Bericht | McKinsey Global Institute | Mai 2017 | Optimistischere Marktstimmung in Europa: Auswirkungen auf Investitionsverhalten

Juni 30, 2017
Von Jacques Bughin, Eric Labaye, Frank Mattern, Sven Smit, Eckart Windhagen, Jan Mischke und Kate Bragg

Europaweit blicken Führungskräfte mit wachsender Zuversicht in die wirtschaftliche Zukunft. Neuen Studien zufolge bedarf es jedoch zusätzlicher Anstrengungen, um Vertrauen und Stabilität herzustellen. Ein paar Maßnahmen könnten hierzu beitragen.

Die letzten zehn Jahre zählen für Europas Wirtschaft zu den härtesten seit der Nachkriegszeit. Jetzt endlich setzt der Aufschwung ein – und die Stimmung in den Unternehmen wird besser.

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In einem Bericht mit dem Titel „European business: Overcoming uncertainty, strengthening recovery“ analysiert das McKinsey Global Institute die Ergebnisse einer Umfrage unter 2.000 Vorstandsmitgliedern und Führungskräften in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Spanien. In den Unternehmensspitzen macht sich neuer Optimismus breit, was die Wachstumsaussichten für Europas Wirtschaft und das eigene Geschäft anbelangt. Die Führungskräfte rechnen für das kommende Jahr im Durchschnitt mit einem Umsatzwachstum von 2,1 %. Jedes fünfte Unternehmen – vornehmlich größere mit starkem internationalen Fokus – erwarten sogar Raten von über 5 %. Ebenfalls positiv sehen die Wirtschaftsführer eine Reihe von globalen Trends, die sich flächendeckend auf Unternehmen auswirken – etwa die Digitalisierung und den Aufstieg der Schwellenmärkte.

Neben den europäischen Unternehmensspitzen haben wir auch Führungskräfte von 400 in Europa tätigen amerikanischen und chinesischen Unternehmen befragt. Ihre Erwartungen zum BIP-Wachstum in der Europäischen Union liegen im Durchschnitt noch höher als die ihrer europäischen Kollegen: knapp 3 % gegenüber 2,3 %.

Der Bericht verweist allerdings auch auf eine anhaltende Investitionsscheu unter europäischen Unternehmen und eine weit verbreitete Tendenz zur Hortung liquider Mittel. Die Bruttounternehmensersparnisse kletterten 2015 auf beinahe 2 Billionen Euro. Zum einen Teil (48 %) geben die Unternehmen an, das Kapital werde für zukünftige Investitionen angesammelt, während andere (47 %) Reserven für kommende Krisen anlegen. Dessen ungeachtet sind die Unternehmen überzeugt, schon heute in angemessenem Umfang zu investieren, und sie sehen genügend Möglichkeiten für zusätzliche Investitionen. Eine schwache Nachfrage, fehlende Chancen und der Zugang zu Finanzierungen werden nicht länger als bedeutende Investitionsbarrieren gesehen.

Wie lässt sich dieses Investitionsverhalten erklären? Die Führungskräfte der europäischen Unternehmen führen eine Reihe von Risiken und Unwägbarkeiten an, u. a. die Angst vor einer künftigen Krise, Nervosität angesichts zunehmendem Populismus und einer globalisierungsfeindlichen Stimmung, aber auch unterschwellige Befürchtungen hinsichtlich der künftigen Struktur und Richtung der Europäischen Union (EU) selbst.

Wir haben uns mit den Haltungen zur EU eingehender befasst und gefragt, welchen Nutzen die Unternehmen in der Vergangenheit aus der EU gezogen haben und wie sie ihre Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft Europas sehen. Es ist eine komplizierte Zeit für die Europäische Union, die mit wachsenden politischen und wirtschaftlichen Divergenzen zu kämpfen hat, nicht zuletzt in Bezug auf die Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die EU zu verlassen.

Insgesamt fielen die Antworten auf unsere Fragen zur EU positiv aus. Etwas mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen ist überzeugt, die EU habe sich positiv für sie ausgewirkt – je erfolgreicher die Unternehmen, desto deutlicher ist dieser Tenor. Zudem sprachen sich an die 60 % der Befragten für „mehr Europa“ in Form einer stärkeren politischen Konvergenz und Integration aus.

Die Antworten zeigen jedoch eine Diskrepanz zwischen den Wunschvorstellungen von der Zukunft der EU und den erwarteten Szenarien (Schaubild 2). Beinahe 85 % der befragten Unternehmen glauben an den Weiterbestand der EU. Knapp die Hälfte geht davon aus, dass der Status quo überwiegen oder mehr Integration stattfinden wird. 51 % befürchten in den kommenden Jahr jedoch ein Schrumpfen oder die Auflösung der Eurozone.

Im Zusammenhang mit der britischen Entscheidung für den EU-Austritt gab jeder dritte Umfrageteilnehmer an, dass es für sein Unternehmen negative Folge hätte, würde ein weiterer Mitgliedstaat diesem Beispiel folgen wollen.

Intensivere Anlageinvestitionen werden maßgeblich dafür sein, dass der Wirtschaftsaufschwung in Europa anhält. Nach unseren Berechnungen würde die Wiederherstellung des Investitionsniveaus von vor der Finanzkrise 2008 das EU-BIP um eine ganze Billion Euro ankurbeln. Damit die EU dieses Potenzial verwirklichen kann, so die Schlussfolgerungen unserer Umfrage, wird sie anhaltende Unsicherheitsfaktoren beseitigen müssen – u. a. bleibende Finanzrisiken, die Richtung der Eurozone und soweit möglich auch geopolitische Befürchtungen in Bezug auf Migration, Flüchtlingsintegration und Populismus. Für Unternehmen ebenfalls hilfreich sein könnte die Nutzung der Digitalisierung. Das würde die EU in die Lage versetzen, ihr digitales Potenzial besser zur Geltung zu bringen.

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